Edith Platzl

Deutsch | English

Edith Platzls Fadengrafiken

Saul Aaron Appelbaum, Vera Maurina Press

September 2014

 

Wenn man zwei oder mehrere Figuren sieht, die sich überlappen, und jede von ihnen den überlappenden Teil für sich beansprucht, dann ist man mit einem Widerspruch der Raumdimensionen konfrontiert. Um diesen Widerspruch aufzulösen, muss man das Vorhandensein einer neuen optischen Qualität einräumen. Die Figuren sind mit Transparenz ausgestaltet, das heißt, sie können sich gegenseitig durchdringen, ohne dass sie einander optisch zerstören. Die Transparenz impliziert jedoch eine breitere räumliche Ordnung. Transparenz bedeutet eine gleichzeitige Wahrnehmung unterschiedlicher räumlicher Positionen. Der Raum tritt nicht nur zurück, sondern fluktuiert in ständiger Aktivität. Die Position der transparenten Figuren ist mehrdeutig, da man jede Figur mal als die Näherliegende, mal als die Weiterentfernte sieht.

 



- - Gyorgy Kepes, Sprache des Sehens, in Rowe und Slutzky, Transparenz, Birkhäuser Verlag.

 

Oh, das ist ein Kandinsky! Ein doppelter, auf beiden Seiten gemalt. Darf ich mal sehen? Ja, natürlich. Außergewöhnlich. Das Außergewöhnliche ist, dass Kandinsky auf beiden Seiten der Leinwand in völlig unterschiedlichen Stilen gemalt hat. Eine wild und lebhaft, die andere düster und geometrisch. Mein Gott! Wir haben es zur Abwechslung immer wieder mal umgedreht. Chaos, Kontrolle. Chaos, Kontrolle. Gefällt's Ihnen? Gefällt's Ihnen? Es ist wunderbar.



- - Vassily Kandinsky. Geboren in Moskau. Anlässlich der Ausstellung „Der blaue Reiter“ sagte er: Die Wahl des Gegenstandes, der eines der Elemente in der Harmonie der Form ist, darf nur durch eine entsprechende Schwingung in der menschlichen Seele entschieden werden. John Guare, Six Degrees of Separation (Das Leben - ein Sechserpack),

1992.

 

Meine Skizzenbücher stellen den Mittelpunkt meiner persönlichen Entwicklung und Arbeitsprozesse dar. Sie beschreiben immer

 

- Gedankenflüsse

- Musterproben

- Träume, Zitate, Fotos, etc.

 

jedes Exponat begleitet ein neues Buch, dessen Ziel es ist, Spuren von Leben, Fadenmuster und Netzwerke zu hinterlassen.

Ich zeichne mit Hilfe einer Nähmaschine, beidhändig, genau wie mit einem Bleistift. Schattierungen und Linien erscheinen auf Papier und Gewebe. Malerei, Grafik, Zeichnung und Textilkunst sind zu einem robusten Faden verknüpft. Einzelne Disziplinen der bildenden Künste, die normalerweise getrennt sind, werden zu einem gemeinsamen Ergebnis. Das ist der Prozess, der zur Erfindung meiner Fadengrafiken führte.

Eine Seite einer undurchsichtigen Fläche steht für das Chaos, die andere für die Ordnung. Wie kann man sich vorstellen, dass sich Linie, Form und Farbe auf der unsichtbaren Rückseite mit Linie, Form und Farbe auf der sichtbaren Vorderseite verbinden und so Einblick in das sichtbare Chaos in der unsichtbaren Ordnung und umgekehrt geben? Schließlich kann man nicht gleichzeitig eine Position an zwei entgegengesetzten Stellen einnehmen, ohne entweder der Logik oder physikalischen Grenzen zu widersprechen; aber man kann sich eine entgegengesetzte Position vorstellen, während man an ihrer Rückseite steht. Von der Vorderseite aus registriert die Rückseite vor dem geistigen Auge eine entsprechende Schwingung in der menschlichen Seele.

 

Die eine Seite einer durchscheinenden Fläche steht für Chaos, die andere steht für Ordnung.  Wie stellt man sich Linie, Form und Farbe auf der sichtbaren Vorderseite vor? Man sieht die Vorderseite plastisch, und die andere Seite verschwimmt. Von der einen Seite liest man hinten von links nach rechts, von der anderen Seite von rechts nach links. Es ist also eine physikalische Spiegelung, ein Ergebnis der Betrachtungsposition und keine optische Spiegelung. Der Spiegel erfasst vor dem geistigen Auge eine entsprechende Schwingung in der menschlichen Seele. 

 

Die eine Seite einer undurchsichtigen Fläche steht für Chaos und Ordnung und die andere für Ordnung und Chaos. Viele Stiche ziehen eine Strichlinie über die Fläche. Die Leerstellen in der Strichlinie auf der einen Seite füllen sich mit Leerstellen auf der anderen Seite. Die Linie beginnt vielleicht mit einem Knoten auf der einen Seite, aber auf jeden Fall beginnt sie mit einem Auftauchen des Fadens von der unsichtbaren Seite. Da man nicht sieht, was vor dem Auftauchen kommt, kann man sich auf der anderen Seite eine beliebige Anzahl von Möglichkeiten vorstellen. Wendet man dieses Einfädelungsprinzip auf eine chaotischere oder unregelmäßigere Form an, wie z. B. eine Blindkonturzeichnung eines Kleidungsstücks, und man bewegt sich von einer Seite zur anderen, wird es nahezu unmöglich, sich die genauen Punkte zu merken, an denen das jeweilige Auftauchen vonstatten geht und ob der Faden sich auf der anderen Seite verknotet, verheddert oder wieder gerade wird.  Man könnte das Auftauchen, die Knoten, Verwicklungen und Begradigungen auf beiden Seiten auf durchsichtigen Papierbögen aufzeichnen und dann die Oberflächen übereinanderlegen, um die genauen Modalitäten des Faden-Auftauchens zu sehen, eine kombinatorische Art der Analyse. Die kombinatorischen Muster könnten bei einer Analyse mit bloßem Auge registriert werden, aber vor der Analyse registriert jede Seite der Oberfläche drei verschiedene Potentiale (verknotet, verwickelt oder gerade) im geistigen Auge, eine entsprechende Schwingung in der menschlichen Seele. Wenn man vor dem Einfädeln eine Analyse durchführt, dann kontrolliert man die Musterung von zwei Seiten gleichzeitig, eine Erweiterung des frontalen Verständnisses im Bildraum. Undurchsichtigkeit, beidseitiges Einfädeln und Transparenz (bedeuten) eine gleichzeitige Wahrnehmung verschiedener räumlicher Lage(n), Betrachtungspositionen, Muster, Potentiale, Auftauchen, Imaginationen und Kombinationen, (implizieren) mehr als eine optische Eigenschaft, (sie) implizieren eine breitere räumliche Ordnung.

 

Schichten bilden ein Kernkonzept der Malerei und des Bildraums. In seiner grundlegendsten Ausprägung malt man eine Fläche über eine andere, wobei man das darunter liegende Objekt entweder ganz oder teilweise verdeckt (lasierend), dies kann entweder auffällig (eine Form über eine anderen) oder subtil (volle Deckung über einer dünnen Pinselschicht) sein. Im Gegensatz zu Farbschichten geht Kleidung auch wieder runter. Es ist zwar physisch nicht möglich, Farbschichten auseinander zu ziehen oder auszuziehen, aber wenn die tektonischen Merkmale des Werks die Bindung lösen ( Übereinanderlegen und Zusammennähen mehrerer Stoffe), dann nimmt man das Werk in mehreren imaginären und materiellen Schichten, in mehreren Dimensionen wahr.

In Platzls Werk führen die Doppelseitigkeit des Fadens und die Transluzenz zu einer höheren Komplexität und entkleiden den Bildraum, indem sie eine breitere räumliche Ordnung vor dem geistigen Auge registrieren, eine entsprechende Schwingung der menschlichen Seele.

 

Edith Platzl inszeniert Ursache-Wirkungs-Ketten, die den Kern des architektonischen Denkens bilden, indem sie durchscheinende und undurchsichtige Oberflächen, unterschiedliche räumliche Standorte, Betrachtungspositionen, Muster, Potentiale, Faden-Auftauchungen, Imaginationen und Kombinationen zusammenheftet. Selbst wenn sich einige Fäden physisch trennen, fügen sich alle Seiten und Bewegungen zu einer einzigen Komposition zusammen und verwandeln unabhängige Gedanken- und Erfahrungsfäden in ein gemeinsames Ergebnis oder eine gemeinsame Darstellung. Selbst wenn Platzl beabsichtigt, die Bilder in einer frontalen Ausrichtung an eine Wand zu hängen, werden dennoch alle Seiten im geistigen Auge registriert.  Kombiniert man die Doppelseitigkeit einer Fläche mit dem Übereinaderlegen und dem Zusammennähen von Stoffen, geht die Methodik in eine Reihe von Linien über, wie Boden- und Oberflächenlinien auf Transparentpapier gezeichnet, mit der Implikation eines dreidimensionalen Raums. Die materielle Überlagerung von Flächen bewegt sich in die reale Dreidimensionalität.

 

Was die Linienqualität an sich betrifft, so signalisiert die Wahrnehmung von Linien in einem Objekt entweder eine Veränderung des Materials (einschließlich Farbe) oder eine Veränderung der flächigen Form. Stellt man der Darstellung von Linie und Form in Bleistift und Farbe die Materialisierung der Linie im Faden gegenüber, und Malerei, Grafik, Zeichnung und Textilkunst wurden in einem robusten Faden zusammengeführt,  entmaterialisiert man ideologische lineare Einteilungen. Jenseits von disziplinären Kombinationen, materialisieren Platzls doppelseitige Darstellungen von Dingen im Nadelstich die Linie im Bildraum, so ähnlich wie Degas' Eleganter-Proto-Collage-Brutalismus beim Ankleiden einer Bronze, ein Brutalismus, bei dem Fäden, die realer sind als der Realismus, die Darstellung in Frage stellen.

 

Platzl kleidet Bilder mit Farbe, Stift und Faden ein. In einer selbst-bezogenen Geste stellt sie Kleidungsstücke auf Körpern und ohne Körper dar. Reale Kleidungsstücke folgen der Form struktureller Körper. Reale Kleidungsstücke stellen, gemäß der strukturellen Skelette der Fäden, eine Verbindung her. In Platzls Arbeit ist der Faden sowohl die Repräsentation struktureller Nadelstiche, als auch tatsächliches strukturelle Gerüst um unterschiedliche Lagen eines Bildes zusammen zu halten. Die Knoten und das Auftauchen des Fadens stellen strukturelle Knotenpunkte dar, die manchmal in regelmäßigen, manchmal in unregelmäßigen Mustern auftreten. Die Knotenpunkte repräsentieren starke Bezugspunkte, die es der Künstlerin ermöglichen, eine Bogenspanne oder auch das Wirr-war der Linien zu unterbrechen. Trotz der Unregelmäßigkeit der Faden-Verwirrungs-Technik, lassen sich Gedanken trefflich ordnen. Knotenpunkte stellen ein strukturelles Gerüst für Verwirrungen dar, und zeigen daher präzise die Ordnung im Chaos an.